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Vrendli Amsler: Arbeiten in Pergament u.a.m.

Wie Schilfhalme neigen sie sich auf alle Seiten. Schlank, stellenweise verdickt, geringelt, verflochten – die Vielfalt erinnert an die gewachsene Natur. Oder sind es gar keine Pflanzen? Sind es nicht eher menschliche Individuen, die einander Geheimisse zuflüstern? Zurzeit bevölkert ein Dschungel von aussergewöhnlichen Skulpturen das AmselWerk in Winterthur. Der Raum war bis vor kurzem Laden und Atelier mit sorgfältig gestalteten Kissen, Schals, Mützen … Nun ist er eine Galerie für die Retrospektive von Vrendli Amslers eindrucksvollem künstlerischem Werk.


Seit 2008 konzentriert sich Vrendli Amsler auf ein in der Textilkunst ungewöhnliches Material. Pergament ist eine nicht gegerbte, sondern nur gereinigte, mit Kalk entfettete und getrocknete Tierhaut, meist vom Kalb, der Ziege oder dem Schaf, allenfalls auch vom Hirsch oder vom Fisch. Die Künstlerin bearbeitet die Oberfläche des unterschiedlich störrischen Materials, reisst, schleift, kratzt, löchert und lässt auch dem Zufall seinen Platz. Indem sie es «quält», transformiert sie es zu einer lichtdurchlässigen Kostbarkeit. Anschliessend behandelt Vrendli Amsler die Häute wie Stoffe, faltet, plissiert, näht, verflechtet, appliziert. Das Licht gestaltet mit und erzielt mit den entstehenden Schattenlinien feinsinnige Muster und Strukturen. Weil das Pergament auf Luftfeuchtigkeit reagiert, bleibt es lebendig. Ein wenig lassen die Werke Vrendli Amslers an Heidi Buchers Arbeiten denken. Während Heidi Bucher aber mit ihren künstlichen Latexhäuten Wände und Dinge abnahm («häutete»), umhüllen und formen Vrendli Amslers natürliche Pergamente schützende Räume, gleichsam wie unsere eigene Haut den Körper schützend umhüllt. Wichtig und präsent ist immer das Licht.


Neben den grossformatigen Skulpturen ziehen sich aneinander gereihte Raumteiler durch das AmselWerk. Auch hier findet man Pergamenthäute aufgespannt, oft mit geometrischen Mustern gestaltet, denen das Licht ein eigenes Leben einhaucht. Einige Raumteiler sind aber auch mit Stoffen bespannt, mit aneinander genähten, locker umwickelten oder verflochtenen Textilstreifen. Hier sind es die traumhaft schönen Farbstimmungen, welche die Betrachterin gefangen nehmen. Die zweidimensionalen Paravents umschreiben, im Zickzack aufgestellt, Orte, in denen man sich aufgehoben fühlen darf.


In Vrendli Amslers Arbeit ist die Nähe zur Architektur offensichtlich. Dieses Interesse an Raum und Licht ist denn auch nicht zufällig, arbeitete sie doch während Jahren im Architekturbüro ihres Mannes Arnold Amsler mit. Ausser den raumgreifenden Werken entstehen auch solche im Kleinformatig. Die architektonischen Miniaturen der Künstlerin sind eine eigene Welt von Stoffen, Linien, Mustern und Flächen. Kleine Öffnungen würden vielleicht einen Zugang ermöglichen. Man möchte zum Winzling werden, in die kleinen Architekturen eindringen und sie erforschen.


In früheren Jahren entstanden schon Miniskulpturen aus Nylonstrick, die wie kleine Vorläufer der grossformatigen Lichtfiguren wirken. Auch sie scheinen organisch gewachsen zu sein. Farben wachsen aus Farben, Schichten befreien sich aus Schichten, Stängel verdicken sich zu blütenartigen Enden. Doch auch hier macht die Ambivalenz neugierig: Sind es Gewächse, Architekturen, Individuen? Das Licht lässt die Farben der kleinen Strickgebilde schimmern und macht sie lebendig.








Nachdem einige der Skulpturen 2022 in der Ausstellung «Textiler Garten» im Museum für Gestaltung in Zürich und 2023 in der Galerie «Weiertal» in Winterthur gezeigt worden waren, sind sie nun ins Amselwerk zurückgekehrt. Hier nun beeindrucken die breite Fülle und Eigenständigkeit der Arbeiten, die Tiefe und Experimentierfreudigkeit der Künstlerin. Vrendli und Arnold Amsler freuen sich, dass wieder alle Arbeiten versammelt sind. Manchmal setzen sie sich abends an den bunten Tisch im Galerieraum, trinken ein Glas Wein und geniessen zu zweit die Anwesenheit der vertrauten «Gschpändli».



Text: Christine Läubli (Quellen: Texte von Arnold Amsler und Arthur Rüegg)

Bilder: AmselWerk

Info: Vrendli Amsler – Arbeiten in Pergament u. a. m.

bis 28. März 2024

Amsel WerkGalerie, Stadthausstrasse 51, 8400 Winterthur (bei der Bushaltestelle Stadthaus)

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 15-18 Uhr, Samstag 10-16 Uhr mit Ruf an der Hausglocke oder mit Vereinbarung 052 212 91 41 / 076 411 92 92 / mail@amselwerk.ch

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