Textiler Garten


In diesem Garten wuchern riesige textile Raumobjekte, ranken sich reliefartige Tapisserien an den Wänden, wachsen eigenartige, fädige Pilze und Blüten und schweben zauberhafte Gebilde in der Luft. Das Museum für Gestaltung Zürich zeigt zurzeit hochkarätige Textilkunstwerke aus zwei der weltweit bedeutendsten Sammlungen der Fiberart, nämlich der Fondation Toms Pauli Lausanne und der Kunstgewerbesammlung des Museums für Gestaltung Zürich.


Als sich nach dem zweiten Weltkrieg in der bildenden Kunst eine ungegenständliche Sprache etablierte, brach auch die Textilkunst mit alten Traditionen. Sie verliess die Wand, emanzipierte sich vom angewandten Design und der Bildtapisserie und suchte einen neuen Dialog zwischen Material, Technik und Aussage, auch in raumgreifenden Dimensionen. Diese neue Fiberart entwickelte sich mit unabhängigen Schwerpunkten in Amerika, einigen osteuropäischen Staaten, in Japan und auch in der Schweiz. Die Frauenbewegung fand in der Textilkunst zu einer adäquaten Ausdrucksform für geschlechtsspezifische, gesellschaftliche und politische Fragen.


1961 gründeten Alice und Pierre Pauli mit Jean Lurçat und mit Unterstützung der Stadt Lausanne das Centre international de la Tapisserie Ancienne et Moderne (CITAM). Das Ziel war es, die Vitalität und Kreativität der zeitgenössischen Tapisserie zu erfassen, zu dokumentieren und sichtbar zu machen. Ab 1962 organisierte das Musée des Beaux-Arts in Lausanne die jurierten «Biennales internationales de la Tapisserie» mit dem Anspruch, die Avantgarde der zeitgenössischen Textilkunst vorzustellen. Viele der nun im «Textilen Garten» gezeigten Arbeiten wurden ursprünglich für eine der Lausanner Biennalen konzipiert.

Magdalena Abakanowicz, Abakan 28 (1968), Museum für Gestaltung Zürich, Kunstgewerbesammlung, Foto: U. Romito & I. Šuta, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK

Zeitlos gültig ist das Werk der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanowicz mit seiner archaischen Ästhetik und Ausstrahlung. Da nach dem zweiten Weltkrieg feine Garne in Polen kaum zu bekommen waren, griffen Abakanowicz und ihre Kolleginnen auf dicke Taue aus Hanf und Sisal zurück, die sie bearbeiteten und einfärbten.



Ritzi und Peter Jacobi, Fragments III (1981)

Die Deutschrumänen Peter & Ritzi Jacobi bewegen sich nah an der Natur und zaubern aus dicken Garnen zarte, astartige Strukturen, die an die Vergänglichkeit erinnern.














Sheila Hicks, Trésors des Nomades (2014)

Die eigenwilligen Wickelskulpturen der Amerikanerin Sheila Hicks bergen geheimnisvolle Geschichten.










Lissy Funk, Lebensbaum (1964), Fondation Toms Pauli Lausanne, Foto: Arnaud Conne

Die Arbeit der Schweizerin Lissy Funk ist einzigartig in ihrer Feinheit und berührenden Aussage.


















Machiko Agano, untitled (2007), Fondation Toms Pauli Lausanne, Foto: Machiko Agano

Die Japanerinnen erzielen mit reduzierten Gestaltungsmitteln eine überraschende Poesie. Gleich beim Eingang überspannt das riesige Gebilde aus Nylon, Stahl und Kozo-Papier der Japanerin Machiko Agano den Raumhimmel.







Marie Schumann, Softspace #13 (2018)

Zeitgenössische Künstlerinnen wie die Schweizerinnen Marie Schumann und Cécile Feilchenfeldt führen den von den Fiberart-Pionierinnen begonnenen Weg fort und finden zu eigenen, neuen Ausdrucksformen: Marie Schumann mit der Verwendung optischer Fasern und Cécile Feilchenfeldt mit federleichten Oberflächenverbindungen.



Der Rundgang durch die Ausstellung überwältigt angesichts der qualitativ überragenden Arbeiten, nur einige wenige vermögen in der heutigen Zeit nicht mehr ganz zu überzeugen, sind aber kunstgeschichtlich interessant. Schade, dass die beengten Raumverhältnisse den Arbeiten nicht mehr Platz zugestehen; jedes einzelne Werk hätte es verdient, raumgreifender inszeniert zu werden. Trotzdem ist dies eine einmalig tolle Ausstellung, deren Besuch sich unbedingt lohnt! Text: Christine Läubli unter Verwendung des Pressetextes Fotos: Museum für Gestaltung und Christine Läubli Museum für Gestaltung Zürich Ausstellungsstrasse 60 8005 Zürich Öffnungszeiten: Di-So 10-17 Uhr, Do 10-20 Uhr Informationen zu Gesprächen, Führungen, inklusiven Angeboten und Workshops sind auf der Website zu finden: www.museum-gestaltung.ch/agenda Die Ausstellung dauert bis zum 30. Oktober 2022 www.museum-gestaltung.ch


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