Schalentier Okti, Überlebenskunst
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Textile Techniken sind für Sabine Mangold nicht nur Mittel, sondern Sprache. Häkeln und Sticken sind langsame Prozesse, sie verlangen Wiederholung, Aufmerksamkeit und Geduld. Vielleicht liegt darin eine Form von Widerstand – gegen Beschleunigung, gegen das Vergessen, gegen das Verschwinden. Sabine Manmgold wird im TEXIMUS 5 das «Schalentier Okti» zeigen, davon und von ihrer weiteren Arbeit erzählt sie hier.

«Schalentier Okti» ist kein fertiges Wesen. Es ist aus einem inneren Bild entstanden: einem Wesen, das sammelt. Nicht aus Sammeltrieb, sondern aus Notwendigkeit.
Okti trägt Hülsen, Schalen, Fragmente aller Art in sich. In Häkel- und Stickarbeit verweben sich unterschiedliche Formen, Materialien und Strukturen zu einem Körper, der keinen festen Panzer besitzt, sondern sich seinen Schutz zusammensetzt. Nichts ist eindeutig, nichts abgeschlossen. Alles bleibt in Bewegung.
Mich beschäftigt das Überleben als etwas Leises. Als etwas, das nicht auffällt, das keinen Applaus bekommt. Überleben nicht als Stärke, sondern als Fähigkeit, mit dem Vorhandenen weiterzugehen. Okti wächst nicht aus einer perfekten Hülle heraus, sondern aus dem, was sich findet.
Zum Werk gehört ein Tanka (japanische Gedichtform):
schalentier okti
sammelt hülsen aller art
überlebenskunst
und da ist noch oktopus
atemlos vom smog im meer

Der Oktopus ist für mich ein Gegenüber. Ein empfindsames, intelligentes Wesen ohne schützende Schale. Hoch anpassungsfähig – und doch verletzlich. Der Smog, der ihn zuschnürt, ist real und zugleich ein Bild für Verdichtung, Überforderung und die zunehmende Enge unserer Lebensräume.
Zwischen Schalentier und Oktopus entsteht ein Spannungsfeld: Schutz und Schutzlosigkeit, Anpassung und Bedrohung, Sammeln und Ausgesetztsein.
Diese Spannung möchte ich nicht auflösen. Ich möchte sie sichtbar machen. «Schalentier Okti» ist kein abgeschlossenes Wesen. Es bleibt offen, wachsend, verletzlich, so wie vieles, was lebt.

Denken mit den Händen, freies Sticken, Papier und ungeplante Formen – nicht alle meine Arbeiten beginnen mit einer klaren Vorstellung. Oft beginnt alles mit Material, einem Faden, einem Stück Papier, einer Oberfläche, die Widerstand leistet oder nachgibt. Ich arbeite frei, experimentell, ohne festen Plan. Besonders beim Sticken interessiert mich der Moment, in dem die Hand schneller ist als der Kopf. Wenn der Stich nicht illustriert, sondern sucht.

Papier ist fragil, reißt, knickt, trägt Spuren. Papier ist in der freien künstlerischen Arbeit ein Material der Unmittelbarkeit und Offenheit. Es reagiert direkt auf Berührung, Druck, Schnitt oder Linie. Dadurch lädt es zu spontanen, intuitiven Handlungen ein und begünstigt Prozesse, die nicht auf Planung, sondern auf Wahrnehmung und Moment reagieren. Gleichzeitig ist Papier Träger von Erinnerung und Zeit: Falten, Risse, Überlagerungen und Spuren bleiben sichtbar. Es fordert Achtsamkeit, erlaubt aber auch Verletzung. Diese Ambivalenz – zwischen Halt und Auflösung – öffnet einen Raum für Experimente, für das Zulassen von Fehlern und für das Entstehen ungeplanter Formen und Objekte.
Aus diesem Prozess entstehen freie Objekte, Formen, die ich nicht vorausgeplant habe, Gebilde, die sich erst im Tun zeigen.

Ich erlebe diese Arbeiten weniger als Herstellung, mehr als Begegnung. Etwas beginnt, sich zu behaupten. Manchmal widersetzt es sich, manchmal fügt es sich. Ich folge, korrigiere, lasse stehen. Nicht alles muss sinnvoll sein, nicht alles erklärbar.
Dieses Arbeiten ohne Ziel empfinde ich als wichtig. Es erlaubt dem Unfertigen, da zu sein. Dem Fehler. Der Abweichung. Vielleicht auch dem Unbewussten. Viele dieser Objekte tragen etwas Fragiles in sich – nicht als Schwäche, sondern als Qualität.
Freies Sticken und das Arbeiten mit Papier sind für mich Räume des Denkens mit den Händen. Sie öffnen Wege, die ich allein über Sprache oder Planung nicht erreichen würde. Die entstandenen Objekte sind Spuren dieses Weges, keine Antworten.
Auch hier gilt: Nicht alles muss geschlossen sein, nicht alles braucht eine Schale, manches darf offen bleiben.
Text und Fotos: Sabine Cornelia Mangold




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