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Joomchi von Barbara Ortelli Pin

 

«Glicine»

Barbara Ortelli Pin wurde in Lugano geboren und machte eine Ausbildung als Textildesignerin. Im Laufe der Jahre besuchte sie Fortbildungskurse unter anderem an der Internationalen Schule für Illustration in Sarmede (I).

Das konstante Experimentieren und Forschen führte sie zu neuen Ausdrucksformen. Die verschiedenen Techniken, mit denen sie experimentiert hat, die Farben, die Kompositionen und der taktile Aspekt ihrer Werke machen ihre Welt aus.

Die wichtigsten Inspirationen, die von der Textilkunst bis zur Illustration, von Künstlerbüchern bis zu Minidrucken reichen, sind eng mit der Natur und persönlichen Erinnerungen verbunden. Barbara Ortelli Pin setzt sich mit ihren Werken nicht nur mit sozialen Fragen auseinander (Verschmutzung der Meere, Entmenschlichung, ...), sondern äussert sich auch zu aktuellen Themen.

Jahrelang organisierte Barbara die Ausstellungszyklen «Kunst im Krankenhaus» in Lugano. Ihre erste Einzelausstellung fand 1989 statt und seither nimmt sie regelmässig an nationalen und internationalen Ausstellungen teil.

Kunst zu machen ist Barbaras Art zu kommunizieren. Die Künstlerinnen und Künstler versuchen, ausgehend von ihren eigenen Tiefen, ihre Gefühle, ihre Erfahrungen, ein Stück ihrer Seele für die anderen sichtbar zu machen.

Die neuesten Werke von Barbara Ortelli Pin sind Arbeiten in der Joomchi-Technik.

 

Joomchi ist eine antike koreanische Methode zur Verarbeitung von Hanji-Papier (Maulbeerpapier, das aus der Rinde der Pflanze hergestellt wird), das durch die Verarbeitung mit den Händen und Wasser verändert wird. Dünne, sich überlappende Papierschichten, die mit Wasser befeuchtet und lange gepresst und geknetet werden, bewirken, dass sich die Fasern ineinander verschlingen und fest aneinanderhaften, ähnlich wie beim Filzen. Durch diesen Prozess entstehen neue Farben und Texturen.

Über Joomchi ist nicht viel geschrieben worden, aber historische Aufzeichnungen zeigen, dass die Koreaner zwischen 918 und 1392 aktiv mit der Herstellung von Joomchi begannen.

Das auf diese Weise verarbeitete Papier wurde immer stärker, glatter und eleganter, ähnlich wie Leder. Das mit der Joomchi-Technik hergestellte Papier ist sechsmal stärker als normales Hanji-Papier. In der Vergangenheit wurde es als Stoff zur Herstellung von Kleidung und zum Schutz vor Kälte an Fenstern verwendet. Wegen seiner Festigkeit und Haltbarkeit wurde Joomchi auch zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen wie Behältern und Geldbörsen verwendet; es wurde auch im Militär eingesetzt.

Ursprünglich als Handwerk angesehen, hat Joomchi seinen Platz in der Kunst gefunden. Zeitgenössische Künstler haben sich für diese Technik interessiert und unendliche Möglichkeiten der Integration mit anderen Techniken wie Malerei, Kalligrafie, Collage und Faserkunst entdeckt.


«buchi neri»

Nach der anfänglichen Periode, die der Textilkunst, der Illustration, der Grafik und den Künstlerbüchern gewidmet war, scheint Barbara ihre Welt mit den Joomchi-Werken gefunden zu haben. Die Künstlerin macht keine Muster oder vorbereitende Übungen. Der Joomchi-Prozess ist langsam: die Art, wie das Papier bearbeitet wird, die richtige Dosierung des Wassers, die Kraft der Hände. Neue Texturen entstehen. Nach stundenlanger geduldiger Arbeit, um das Papier zu erhalten, fährt Barbara mit Nadel und Faden fort. Sie stickt auf die neuen Texturen, die dabei entstanden sind. Die Farben, die Geschichten und Gefühle erzählen, die manchmal plötzlich auftauchen, lenken sie auf ein Thema. Manchmal lässt sie sich aber auch von ihrem Instinkt leiten. Die Suche nach Harmonie, ihre Sicht der Welt - und gleichzeitig die Suche nach sich selbst - kommen in diesen Werken von unendlicher Zartheit deutlich zum Ausdruck.


«scossa tellurica»

Barbara Ortelli Pin ist durch Zufall auf Joomchi gestossen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie recherchierte die Ursprünge, die Technik. Die Informationen führten sie zu einer koreanischen Künstlerin, Frau Jiyoung Chung: Mit ihrer innovativen Methode, mit Papier zu arbeiten, Joomchi herzustellen, schlug sie eine Brücke zwischen Tradition und zeitgenössischer Kunst. Sie stellte diese Technik 2005 in den USA und 2008 in Europa im Rahmen von Workshops und Ausstellungen vor.

Barbara erwarb das wunderschöne Buch «Joomchi & Beyond» von Jiyoung Chung, in dem sie zwischen der traditionellen Joomchi-Herstellung und Variationen der Methode wechselt. Dann wagte sie den Schritt und ging weiter.


«penso che»

Für die Herstellung eines Joomchi benötigt man mindestens zwei bis maximal zwanzig Blätter. Die Anzahl der Blätter variiert je nach dem gewünschten Ergebnis.

Barbara verwendet zwischen zwei und fünf Bögen. Es ist zu berücksichtigen, dass sie nach der Herstellung eines Joomchi dieses mit Nadel und Faden bearbeitet. Das Substrat darf daher nicht zu fein sein; fünf Blätter sind die ideale Konsistenz.

Für ein Lacy Joomchi hingegen verwendet sie zwei Blätter; auf diese Weise erhält sie einen spitzenartigen Effekt, der durch seine Löcher sehr transparent und luftig ist. Lacy Joomchi, die sie dann mit einer anderen oder sogar einer dritten überlappt, bis sie die ideale Dicke hat, um von der Nadel durchstochen zu werden.


«auto d’epoca»

Die Hanji Blätter, die leicht erhältlich sind, gibt es in einer sehr breiten Palette von Farbtönen. Die Künstlerin braucht für ihre Arbeiten keine zusätzlichen Farben.

Die Farben vermischen sich während des Arbeitsprozesses, der eine Stunde oder länger dauert, nicht wirklich, die Fasern, verheddern sich und verbinden sich miteinander. Daraus ergibt sich eine Überlappung der Farben, die jeder Künstler nach seinem eigenen Geschmack handhabt.

Joomchi kann Kalligrafie, Zeichnen, Nähen beinhalten; theoretisch kann auch Seidenpapier oder Seidenorganza hinzugefügt werden. Was hinzugefügt wird, muss sehr dünn sein, damit das Papier nicht bricht.

  

Barbara schafft nicht nur Gemälde, Joomchi interagiert auch mit anderen Kunstformen, zum Beispiel mit dem Künstlerbuch. Kürzlich hat sie die Bücher «Harriet Tubmann» und «Papiro» gestaltet.

 

Barbara interessiert sich für soziale oder aktuelle Themen.  Im Fall von Harriet Tubmann war es ein Zufall. Als sie eines Morgens die Online-Zeitung las, stiess sie auf einen Artikel, in dem diese Frau und ihr Leben beschrieben wurden.

Die Underground Railroad war ein Netz von Geheimwegen und sicheren Zufluchtsorten, die afroamerikanische Sklaven nutzten, um mit Hilfe von Abolitionisten in die freien Staaten und nach Kanada zu entkommen. Sie erreichte ihren Höhepunkt zwischen 1810 und 1850, als über 30 000 Menschen aus der Sklaverei entkamen.

Das von Barbara hergestellte Joomchi-Buch stellt diese Situation dar: die Hälfte des Buches ist dunkel gefärbt und zeigt den Zustand der Sklaverei, während die rote Linie die Underground Railroad, eine Linie der Hoffnung, darstellt. Diese Linie wird in der anderen Hälfte des Buches schwarz, um die Sklaven darzustellen, die sich in einem anderen Kontext bewegen, nämlich in Richtung Freiheit, wobei die mit Textilien ausgelegten Quadrate die Stationen darstellen, an denen die Sklaven tagsüber Halt machen und sich verstecken konnten, während sie darauf warteten, ihre Reise nach Norden in der Nacht fortzusetzen.

 

Die von Barbara geschriebenen Texte entstehen, wie die Joomchi, hauptsächlich aus dem Instinkt heraus, aus der Beobachtung kleiner Dinge.

 

 


 

Text: Bea Bernasconi

Fotografien: Barbara Ortelli Pin

 

 

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