Werkbuch von Ernestina Abbühl
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Ernestina Abbühl ist im Engadin geboren und nah am Flusslauf des jungen Inn aufgewachsen. Die rätoromanische Kultur fasziniert sie ebenso wie die hochalpine Landschaft. Die vor langer Zeit entstandenen Schichtungen und Strukturen der Steinformationen und Gletscher überwältigen sie immer von Neuem. Sie sind ein wiederkehrendes Thema im künstlerischen Schaffen der Engadinerin. Gerne lässt sich die Künstlerin auch von gefundenen Objekten inspirieren, von „objets trouvés“, und schichtet Felsstücke, Blätter, Blüten und andere Materialien mit Paraffin zum eindrücklichen Relief. Neben verschiedenen Papiersorten – vor allem selber handgeschöpften Papieren – verarbeitet sie auch Baumwollstoffe, die sie oft im Engadin entdeckt.

Heute blickt die unermüdliche Schafferin auf die letzten 20 Jahre ihres künstlerischen Tuns zurück und dokumentiert diesen Zeitabschnitt im neuen Werkbuch „structuras alpinas“. Sie leitet das Buch mit dem Kapitel „cumanzamaint“ ein: Von Beginn an stand der Sinn und Wille, den Weg der Kunst zu gehen. Erste Schichtungen entstanden mit Palmblättern, kombiniert mit einem uralten Engadiner-Holzfensterrahmen. Viele weitere Reliefs folgten.
Die Künstlerin mag die sich wiederholenden Handgriffe während des Aufbaus eines Reliefs. Ähnlich einem meditativen Zustand ist sie ganz bei sich und ihrem Werk. Jedes Einzelteil ist handgemacht, individuell und hat seinen eigenen Charakter. Indem die Künstlerin die Elemente zusammenfügt, wächst allmählich ein grosses Ganzes.

Seit vielen Jahren ist Wachs ein wichtiges Arbeitsmaterial in ihren Werken. Es hat etwas Edles, Feines, Kostbares. Seine Oberfläche wechselt von zartglänzend, kristallin zu fast stumpf, opak, kaum durchdringbar. Ernestina Abbühl mag das Warme, Weiche, Geschmeidige des Wachses und liebt das Gefühl, es in der Hand zu halten. Das abgekühlte Wachs in kleinen und grösseren Blöcken oder Tafeln, besonders aber das goldfarbene Bienenwachs, erinnert ein wenig an Goldbarren.

Das Werkbuch von Ernestina Abbühl ist kein klassisches Kunstbuch, vielmehr eine tief authentische Dokumentation, ein „Kunst-Erleben-Buch“, welches zugrunde liegenden Gedanken, Inspirationen und Ideen der Engadinerin bis zu den fertigen Werken nachgeht, diese erlebbar und verstehbar macht. Das Hauptaugenmerk des Buches ist auf die Jetzt-Zeit gerichtet. Wir bekommen fundierte Einblicke auf die verschiedenen Schaffensperioden mit den jeweils bevorzugten Materialien und unterschiedlichen Werken.
Das aktuellste Relief befand sich während der Drucklegung des Buches noch mitten im einjährigen Schaffensprozess. Die erste und wichtige Phase der Entstehung und die Recherchen werden darin dokumentiert. Diese wesentliche, grosse Arbeit wirft einen besonderen Blick auf die Engadiner Geschichte. Die Künstlerin verarbeitete eine „1. rätoromanischen Bibel“, ein „object trouvé“ aus den Jahren 1743 – 45, schuf damit das zehnteilige Relief „urazchun – tschiel ed infiern“ und transformierte so einen historischen Hintergrund in ein zeitgenössisches Kunstwerk.
Da die Künstlerin ihre Arbeiten immer in der rätoromanischen Muttersprache betitelt, findet sich die Übersetzung der Wörter ins Deutsche im Buch.
Passend zum handwerklichen Hintergrund ihrer Kunst band Ernestina Abbühl jedes Buchexemplar einzeln und persönlich von Hand mit einem roten Baumwollgarn, das sie zuvor in Wachs getüncht hatte. Dazu hatte sie sich eigens die spezielle offene Fadenbindung angeeignet.
Ernestina Abbühl wird in der Ausstellung TEXIMUS 5 das dreiteilige Werk «glatsch blov – glatsch alv – glatsch nair» zeigen.
Text: Ernestina Abbühl und Christine Läubli
Fotos: Ernestina Abbühl
Informationen zum Buch:
structuras alpinas
Ernestina Abbühls Kunst von 2004 – 2024
128 Seiten, CHF 80.--, exkl. Porto
Mit vielen Abbildungen und Beschreibungen
In limitierter Auflage, jedes Exemplar von der Künstlerin Hand gebunden.
Zu bestellen bei info@ernestina-waxart.ch
+41 79 347 92 79




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