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Chiharu Shiota: Eye to Eye Salvatore Emblema: Sub-limine


Chiharu Shiota: Installationsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2023 Foto: Stefan Altenburger © 2023, ProLitteris, Zurich

Ein dichtes, rotes Gewebe füllt den Raum. Darin eingeknüpft sind unzählige Männer-, Damen-, Kinderbrillen, grosse, kleine, beschädigte, gestylte, altmodische Brillen, Lesebrillen ab Ständer mit Preisangabe … Von Weitem glitzern sie wie Edelsteine in einem Meer von Rot. Welche Geschichten könnten diese Sehhilfen wohl erzählen? Das Auge hat viel zu schauen, die Seele nährt sich mit der Poesie.



Chiharu Shiota: Installationsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2023 Foto: Stefan Altenburger © 2023, ProLitteris, Zurich

Die japanische Künstlerin Chiharu Shiota (geb. 1972) hat die Installation eigens für den ersten Raum im Museum Konstruktiv geschaffen. Seit Jahren spinnt sie Alltagsgegenstände in Fäden ein. Mal sind es Schlüssel, mal Betten, mal Kleider, mal Puppen, mal Schuhe … Immer wählt sie gebrauchte Dinge mit Geschichten, die berühren, aber auch am eigenen Leben der Betrachterin kratzen. Die Fäden sind meist rot, symbolisch etwa für Lebensfäden oder Blutbahnen. Die Verbindungen der Objekte erinnern an Beziehungsnetzwerke.






Chiharu Shiota: Out of My Body, 2020 Installationsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2023 Foto: Stefan Altenburger © 2023, ProLitteris, Zurich

Im 1. Stock des Museums sind Zeichnungen und kleinere Installationen ausgestellt. Auch sie beschäftigen sich mit tiefreichenden Fragen zwischen Leben und Tod. In einer Ecke hängt eine Installation aus Rinds- und Ziegenleder, in die Chiharuu Shiota Schlitze geschnitten hat – erst die Schwerkraft erzeugt hängende trichterförmige Stalaktiten. Obwohl die Künstlerin den Tod als Moment der Metamorphose zu einem anderen Zustand betrachtet, wollte sie sich nach einer zweiten Krebsdiagnose mit beständigen Materialien beschäftigen (normalerweise werden ihre Werke nach der Ausstellung entsorgt).

Chiharu Shiota: State of Being (Dress), 2022, Metallrahmen, Kleid, Faden, 80 x 45 x 45 cm, CS/S 221037 Foto: Stefan Altenburger © 2023, ProLitteris, Zurich

Im gleichen Saal hängt an der Wand eine Trilogie von Fadenbildern. Die roten Fäden verweben sich zu dichteren und loseren Flächen. So führen die Linien in tiefere Schichten. Schön, wie sich die Fäden um den Rand herum winden und so aus dem Bild hinaus ins Unendliche zeichnen. Zwei Glasvitrinen daneben sind inwendig über und über mit einem Spinngewebe von roten bzw. schwarzen Fäden bespannt – dazwischen eingefangen sind in der einen zerfledderte Buchseiten, in der andern ein über der Brust gesmoktes Kinderkleidchen. Leise Erinnerungen an Vergangenes klingt an. Kleider sind für Chiharu Shiota eine «zweite Haut», ihre Werke legen bloss, was sich unter dieser Haut befindet.





Salvatore Emblema: Ohne Titel, 1978, Eingefärbte Erde auf Jute, 180 x 200 cm, Courtesy Museo Emblema – Salvatore Emblema Estate

Gleichzeitig mit jenen von Chiharu Shiota sind im Museum Werke von Salvatore Emblema (1929 – 2006) zu sehen. Auch er arbeitete mit Textil und erkundigte tiefere Schichten. Die Retrospektive beginnt im 4. Stockwerk mit ersten Gemälden, die er – zunächst aus Geldnot – auf Jute gemalt hatte. Da ihn die archaische Transparenz dieses Malgrundes faszinierte, lotete er sie im Folgenden weiter aus. Die Erdpigmente, die er verwendete, gewann er in seiner Heimat Neapel aus vulkanischer Asche. Die wunderschönen Farbstimmungen seiner Bilder berühren auf eigene Weise.


Salvatore Emblema, Ohne Titel, 1981, Eingefärbte Erde auf Jute, 160 x 130 cm, Courtesy Museo Emblema – Salvatore Emblema Estate

Der Austausch mit anderen Künstlern und Kunstkritikern animierte Salvatore Emblema dazu, den Raum zwischen Bild und Wand einzubeziehen. Um die Transparenz der Jute zu unterstreichen, entfernte er Fäden aus den Geweben und unterlegte sie mit einer weiteren Stoffschicht. Dies ergibt geheimnisvolle Grenzüberschreitungen. Je nachdem, wo der Künstler die Jutebahnen zusammenfügte, zeichnen verdichtete Linien mal senkrecht, mal waagrecht ins Bild.







In der Erforschung von Raum und Zeit ergänzen sich die beiden Kunstschaffenden über die Jahrzehnte hinweg, und die beiden Ausstellungen bilden ein eindrückliches Ganzes. Text: Christine Läubli Bilder: Museum Konstruktiv Informationen: Museum Konstruktiv Selnaustrasse 25, 8001 Zürich Öffnungszeiten: Di / Do-So 11-17 Uhr, Mi 11-20 Uhr Beide Ausstellungen dauern noch bis zum 10. September 2023 www.hauskonstruktiv.ch

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