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Wollen_FotoFaden. FadenFoto


belebter Strauch, 2022

Marion Strunk ist eine der Kunstschaffenden, die in der Ausstellung TEXIMUS 4 im März 2023 eine Arbeit zeigen werden. Zu ihrem Werk schreibt sie: I Mich interessiert zurzeit der Faden. Nicht der Ariadne-Faden, sondern der Faden als Verbindung. Ich sticke Fäden in Fotografien. Fotografien, die ich wie die Touristen schnappschussartig mache, sie zeigen Alltagssujets. Oder Fotografien, die ich mir aneigne. Fotografin bin ich nicht, auch keine Stickerin, vielleicht eine Diebin. Ich sticke also in die Fotografie hinein, und lege mit dem Nadelwerk den Faden auf die Fläche. In der Fotografie bekommt der Faden eine Form, die sich wie ein Relief von ihr abhebt und gleichzeitig ästhetisch in sie integriert ist, auch durch die Farbe des Fadens. Dabei ist mir wichtig, dass, aus der Distanz betrachtet, eine Ununterscheidbarkeit von Faden und Fotografie entsteht, manchmal betone ich auch deren Unterschied. In der Berührung, taktil nachvollziehbar, liegt wirklich der wollige Faden. Die Fiktion kann sich im Sinne von offensichtlicher Täuschung entfalten. Der Faden bleibt statisch im Bilde, wird Figur oder Gegenstand im fotografischen Bild und selbst ein Bild so wie die Fotografie. Das Bild kann aber nicht behaupten: So ist es gewesen. Die Hauptfrage meiner Arbeit ist die: Was ist ein Bild? Durch das Zusammenführen von Fotografie und Faden möchte ich zu sehen geben, was ein Bild eigentlich ist: eine Fiktion. Im Unterschied dazu ist der Faden konkret im Bild, er kann berührt werden und in diesem Moment hab’ ich den Faden wirklich in der Hand, zu einer Form gestaltet, wird er wieder zum Bild (Kreise, Blüten, Hirsch usw.) Im öffentlichen Raum zeige ich das Thema in Umkehrung: ich stecke Wollbälle in Bäume oder in Hecken, forme Kugeln zu Gebilden (Wolke z.B.) oder umwickle Skulpturen, d.h. der Faden, die Wollkugel, das Gemachte, verbindet sich mit der Wirklichkeit, der Kultur und der Natur.

bestickte Fotografie #2, 2022

II Sticken ist eine langsame Tätigkeit. Ich mag die Gelassenheit, die dabei entsteht, das Stille. Aus der Zeit herausgehen. Vergessen, was sich im Kopf dreht. Manchmal unterstützt Musik. Warum der Faden? Zusammennähen? Das habe ich verworfen. Sticken ist etwas anderes. Der Faden will Verbindung. Die Fotografie Genauigkeit. Beides stelle ich zusammen. Faden und Fotografie. Das Händische und das Technische. Wollen. Wolle. Wollfaden. Fadenfoto. Fotofaden. Sehen. Das Bild. Im Blick. Es schaut auch mich an. Die Fotografie hält es fest, lässt mich auswählen, konfrontiert mich mit Entscheidungen, der Arbeit am Bild. In die Fotografie hineinsticken. Hin und her. Den Faden immer wieder aufnehmen und durch das Nadelöhr ziehen, damit ich ihn nicht verliere. Der Faden sitzt im Bild, auf der Fotografie. So lange ich ihn berühre, hab’ ich ihn in der Hand. Da ist etwas Sanftes, das im nächsten Augenblick Bild wird. Die Berührung ist wirklich. Berührtsein. Gefühl. Ich kann es nicht festhalten. Die Fotografie tut so, als könnte sie es, auch der Faden tut so. In die Fotografie hineinsticken, ist das aggressiv? Die Löcher sieht man nicht. Hand und Werk. Sticken ist ein Handwerk. Ich fotografiere auf Spaziergängen in der Umgebung. Manchmal sticke ich Kreise, bunte, leuchtend rote, viele, rhythmisch angeordnet. Manchmal sticke ich Worte, die mir gefallen. Stimmungen wiedergeben. Im Blick liegt Distanz. Nähe und Distanz. Will ich dahin? In diesen Gegensatz? Wollen? Kann ich das wollen? Sich ein Thema geben. Manchmal gehe ich ins Brockenhaus - eine Fundgrube - und entdecke dort alte Fotos. Ich suche ihre Spur, verbinde sie mit ihrer Geschichte oder der Geschichte. Familiengeschichten: ungebetene Erinnerungen. Und draussen stecke ich rote Wollkugeln auf Bäume oder in Hecken, umwickle Figuren. Signalrot. Sie wollen anders gesehen werden.

bestickte Fotografie #4,   2022

III Die Kunst kann nicht das sein, was genial-schöpferisch sein soll. Sie kann vielmehr als ein dynamisches System bezeichnet werden, das unter einer Regie strukturiert und vorgestellt werden kann. Künstlerinnen und Künstler, Personen, schreibende, malende, filmende, musizierende und alle anderen eignen sich dabei Ideen und Gedanken an, verdichten, machen Dichtung, und verlieren die Anführungszeichen. Einen Verweis müssen sie nicht erbringen. Sie können das einbringen, was sich im Gedächtnis abgelagert hat und was sie erinnern und vergegenwärtigen. Es kommt nicht darauf an, etwas neu zu erfinden. Es kommt darauf an, das eine mit dem anderen zu verbinden und den Faden anzuziehen. Künstlerische Arbeiten sind Projekt oder Vorschlag für eine Wahrnehmung, eine Vorstellung und Darstellung, für eine Phantasie, für eine Position und Subversion, und dies gilt für alle Medien der Künste. Lyotard wählte für diesen Vorgang den Begriff Übersetzung.1* Die Übersetzenden können die Vorgabe modifizieren und für andere Lektüren öffnen oder sie in ihrer Unlesbarkeit belassen, mit anderem vernetzen oder gar von ihr wegführen oder ihr widersprechen. Das Interesse an ihr ist kein hermeneutisches, es ist ein konstruktives, konzeptuelles, mit dem Strategien entfaltet werden können. Dabei ist es für die Kunst nicht wichtig, welches Geschlecht eine Person hat, die eine künstlerische Arbeit macht. Kunst hat kein Geschlecht. Was die Arbeiten thematisieren, kann recht und schlecht Geschlecht repräsentieren oder präsentieren, konstruieren und dekonstruieren, und vermittelt über das Material medial thematisieren. Entscheidend ist, in welchen Kontext sie die einzelnen Personen stellen, in welche Tradition und Erbe, und was diese Personen über sich in Erfahrung gebracht haben, was sie denken und wie sie handeln, und welche Sicht sie einnehmen wollen.

bestickte Fotografie #11, 2021

Kunst kann als eine Gegenarbeit 2* verstanden werden, nicht im Sinn von Gegenüberstellung wie ein Vergleich, sondern im Sinn von Unterbrechung, Befragung und Transformation. Die Geste des Zögerns im Wegwerfen. Also die Frage: Wie lassen sich die Dinge anders sehen oder nutzen? Dieses Wahrnehmen im Unterschied kann aber kein Vorsatz sein, ästhetische Form lässt sich in ihrer Gegenstrebigkeit nicht produzieren, nicht zum Inhalt einer Produktion machen. Das wäre Didaktik oder Erziehung, Propaganda und Agitation. Sie schliesst sich viel mehr der Geste der Poesie an, was eine sehr besondere Kraft oder Energie ist. Kräfte und ihr Wirken können sich mit ihr freisetzen. Wirkung kann aber nicht gemacht werden. Die Wirkung ist grösser, wenn sie keinen Absichten unterworfen ist, sondern im Prozess entsteht: absichtlos. Gerade der Verzicht darauf, die Befragung für eine Absicht zu instrumentalisieren, führt Gegenarbeit nicht in die Falle der Erklärung. Aufklärung, wie die Moderne sie wollte, wäre nicht das Licht, das ins Dunkle fällt, es wäre die erhellende Einsicht, dass Licht und Dunkel aneinandergebunden sind und sich in Abhängigkeit voneinander gegenseitig wieder und wieder hervorbringen. Befragung der Einzelnen, der Kultur, der Gesellschaft als Kunst zu vollziehen, unterscheidet Kunst von der theoretischen Erkenntnis. Indem die Kunst fragt, wie Formen anders angeschaut, anders zu Sehen gegeben werden können, kann sie jede Form zerlegen und für andere Inhalte freigeben und sinnlich wahrnehmbar machen. Kritische Auseinandersetzung im theoretischen oder gesellschaftspolitischen Kontext verlangt Zustimmung. Kunst braucht Anerkennung und Öffentlichkeit, nicht Zustimmung oder Bestätigung. Denn Kunst kann alle Formen durch sich selbst befragen, das ist ihre Eigenart und ihre Eigensinnigkeit. Sie bietet sinnliche Erkenntnis als Selbstbefragung und Selbstunterlaufung. Sie kann ausbrechen und Zeit und Raum vergessen, um sich wieder daran zu erinnern, dass es kein Ausserhalb geben kann, nur ein Mittendrin, und ein Nocheinmal ohne das Vergessen.

bestickte Fotografie #9, 2022

Literatur: 1* Jean-Francois Lyotard: Immaterialität und Postmoderne, Berlin 1985. 2* Christoph Menke: Die Souveränität der Kunst, Ästhetische Erfahrungen nach Adorno und Derrida, Frankfurt/M. 1988.

Abbildungsnachweis: Strunk, Marion, Foto und Faden, embroidered images, No. 9 + 10, 2006, siehe: http://marionstrunk.ch Weitere Arbeiten s.a. in: Marion Strunk, Foto und faden, Till Schaap Edition, 2019 Dies., Wolle 2, memory/cage Editions, Zürich 1999 Text und Bilder: Marion Strunk

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