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Magdalena Abakanowicz: Textile Territorien


Abakan orange, 1968, Sisal, 360 x 360 x 45 cm, Nationalmuseet Stockholm, ©Tate, Foto: Norbert Piwowarczyk (Ausschnitt)

Die polnische Künstlerin Magdalena Abakanowicz (1930 – 2017) war Pionierin sowohl in der Textilkunst wie auch in der Plastik. Mit ihrem eigenständigen Werk nimmt sie im 20. Jahrhundert eine herausragende Stellung ein. Zurzeit zeigt das Musée cantonal des Beaux-Arts Lausanne (MCBA) eine breite Auswahl ihrer Arbeiten. Die Präsentation ist in Zusammenarbeit der Fondation Pauli und der Tate Modern London entstanden, beide Institutionen besitzen selber zahlreiche Werke. Die von der Tate Modern getroffene Auswahl war im Winter 2022/23 in London zu sehen und wurde für Lausanne überarbeitet und erweitert.

Soleil oder La Construction noire, 1963, Wolle, Baumwolle und Kunstseide, 152 x 211 cm, ©Central Museum of Textiles, Łódź

Während der 1960er bis 1970er Jahren prägte Magdalena Abakanowicz die Internationale Biennale der Tapisserie in Lausanne entscheidend. Schon auf der 1. Biennale fielen ihre ohne Entwurfskartons entstandenen Arbeiten mit ihrer gänzlich neuen Optik von Natur, Struktur und Experiment auf. Die Kunstwelt und das Publikum reagierten zunächst brüskiert … Als eine der ersten verliess Abakanowicz mit ihren Bildteppichen die Wand. In den späten 1960er Jahren begann sie,

eindrucksvolle Webskulpturen in den Raum zu hängen, welche die Wahrnehmung von Weberei noch einmal nachhaltig änderten. Sie nannte sie «Abakans».

Blick in die Ausstellung MCBA in Lausanne

Sind es Gewänder, Hüllen, Höhlen, Häute, Gebärmütter? Man möchte hineinschlüpfen und sich geborgen fühlen. Die Farben sind warm und erdig, die Materialien archaisch, grob, aber doch weich. Die Gebilde bestehen aus gewebten Bahnen, die in Falten gelegt und ins Dreidimensionale geformt den Raum einnehmen. Immer wieder gibt es geheimnisvolle Ein- und Durchblicke. Aus manchen quellen dicke (Nabel?-)Schnüre, fliessen Fransen, stechen Stachel heraus. Die «Abakans» scheinen wie Bäume oder riesige Früchte in der Natur gewachsen zu sein.

Dos, 1976-1982, Jute und Harz, jeweils ca. 75 x 65 x 60 cm, ©Fondation Toms Pauli, Lausanne, Foto: Arnaud Conne

Ab Mitte der 1970er Jahre begann sich Magdalena Abakanowicz mit dem menschlichen Körper zu beschäftigen. Sie nahm Körperabdrücke aus Gips und überzog sie mit durch Harz versteiftem Sackleinen. Was ist der Mensch? Siebzehn kopf- und gliederlose Rücken beugen sich unter den Anforderungen des Lebens. Andere Serien zeigen auf das Wesentliche reduzierte Köpfe und hohle Gesichter. Rudimentäre Körperschemen versuchen, sich aus Wandreliefs zu befreien. Auch die Zeichnungen mit Tinte und Kohle drücken das archaische Sein des Menschen aus, und eine grosse Kraft, aus der Neues erwachsen kann.

Embryologie, 1981, Tinte, Kohle und Bleistift auf Papier, 48,5 x 63 cm, ©Fondation Toms Pauli, Lausanne, AN Ville des Lausanne

Magdalena Abakanowicz war offen für Techniken und Materialien, aber auch für die Ideen anderer Kunstschaffenden – sie sprach sieben Sprachen und reiste in der ganzen Welt umher. Im kommunistischen Polen nutzte sie die Möglichkeiten der Faserkunst, um mit diesem lebendigen und formbaren Material ihre sehr freien künstlerischen Visionen auszudrücken, die auf der feinen Beobachtung von Mensch und Natur basierten. Dank der Biennale der Tapisserie, der Galerie Alice Pauli sowie Sammlerinnen und Sammlern der Region spielte Lausanne eine entscheidende Rolle für ihren Erfolg.

Magdalena Abakanowicz in ihrem Atelier mit Personnage debout, 1980-83, ©Artur Starewicz / East News

Die Ausstellung «Textile Territorien» ermöglicht einen faszinierenden Einblick ins Werk von Magdalena Abakanowicz. Sie berührt tief und regt zu Gedanken über unsere Existenz als Menschen an. Parallel zeigt das MCBA in einem Elsie Giauque gewidmeten Raum Werke der Schweizer Künstlerin. Hier herrscht Transparenz und zarte Farbenpracht vor. Die beiden Künstlerinnen kannten sich durch die gleichzeitige Teilnahme an der Biennale und schätzten sich gegenseitig. Elsie Giauque forschte auf ihre Weise ebenfalls danach, wie mit Fäden der Raum zu erobern wäre.






Zur Ausstellung sind zwei Publikationen erschienen: Magdalena Abakanowicz à Lausanne, hg von Magali Junet du Giselle Eberhard Cotton, Ko-Edition Fondation Toms Pauli, Lausanne und Scheidegger & Spiess, Zürich 2023, 128 Seiten, CHF 38, in französischer Sprache Magdalena Abakanovicz, hg von Ann Coxon und Mary Jane Jacob, Tate Publishing, London 2022, 208 Seiten, CHF 42, in englischer Sprache Text: Christine Läubli unter Verwendung des Pressetextes Bilder: Musée des Beaux-Arts, Lausanne Infos: Musée cantonal des Beaux-Arts, Plateforme 10 Place de la Gare 16, 1003 Lausanne Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr Die Ausstellung dauert noch bis am 24. September 2023. Führungen und Workshops in Französisch und Englisch siehe Website: www.mcba.ch

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