Gib Stoff!
- ml
- 19. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Das Gewerbemuseum Winterthur zeigt bis am 2. November 2025 eine exzellente Textilkunstausstellung. «Gib Stoff!» beschränkt sich auf drei Persönlichkeiten, die auf der Schnittstelle zwischen Kunst und Design arbeiten und bildhaft Geschichten erzählen. Alle drei zeigen grossformatige Textilien sowie Recherchen und Vorstufen ihrer Werke. Zu jedem der Kunstschaffenden gibt es viel Hintergrundinformation. Die Ausstellung ist ruhig gestaltet, die Werke haben wunderbar Platz, um sich zu entfalten.

Christoph Hefti empfängt mit einer eigenen Welt. Auf Wänden und Boden breiten sich flauschige, zottelige Teppiche aus. Ergänzt werden sie von Möbelstücken und Keramiken. Jede Installation nimmt den Blick wie ein Wimmelbild gefangen, man entdeckt seltsame Figuren, Augen und Landschaften.
Christoph Hefti ist vom Unheimlichen fasziniert. Seine Inspiration sind Tiere, Masken, Monster, Fabelwesen. Wenn er unterwegs ist, notiert und zeichnet er ununterbrochen. Aus diesen Ideen, Skizzen, Einfällen komponiert er collagenhafte Teppiche, Vorhänge oder Möbelstoffe, wobei er Handwerk und digitale Möglichkeiten gleichermassen ausschöpft.

Die Möbelstoffe werden mit modernsten Digital-Print-Techniken in hochtechnisierten Firmen bedruckt, die Teppiche in Nepal von Hand geknüpft. Das Handwerk ist zentral. Auf einsamen Reisen durch das Land, im Kontakt mit den Weberinnen und inmitten der farbenfrohen Wolle entwickelt der Künstler das endgültige Design, das dann am Webstuhl ohne ihn, aber nach seinen Anweisungen umgesetzt wird. Zu Hause ist er gern selber handwerklich kreativ. Er näht auf der Nähmaschine aus abgelegten Kleidern und anderen Recyclingstoffen raumhohe Bildcollagen, bei denen er sich technisch und gestalterisch nur wenig einschränken lässt.
Für die Zukunft träumt Christoph Hefti von Teppichen, in die sich die Menschen einwickeln und einrollen können, mit denen sie verschmelzen, bis sie selber zum Fabelwesen werden…

Neben der expressiven Welt Christoph Heftis wirkt jene von Stéphanie Baechler zurückhaltend, sensibel und zart. Ihre Arbeit ist aber nicht weniger kraftvoll und sehr vielfältig. Stéphanie Baechlers Weg begann in der Mode, führte über die Keramik in die Kunst und zurück zum Textil. Das künstlerische Schaffen entwickelte sich fortlaufend vom Körper weg in Richtung Skulptur und Installation in den Raum. Heute bewegt sich die Künstlerin zwischen dem, was sie Hardware (Keramik) und Software (Textil) nennt. Seit einigen Jahren liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der taktilen und dreidimensionalen Stickerei, die unsere Sinne so ganz anders anspricht als der flache Bildschirm.
Die Arbeiten gehen oft aus Atelieraufenthalten und mehrjährigen Projekten für spezifische Installationen hervor oder werden in Zusammenarbeit mit lokalen Handwebereien und technisch hochspezialisierten Textilunternehmen entwickelt. Die Themen beziehen sich auf den Kontext von Situation und Ort der Entstehung. Die Künstlerin interessiert sich für das Zusammenspiel von Handwerk und Technologie und deren komplexe Beziehungen.

In ausführlichen Recherchen sucht die Stéphanie Baechler das richtige Material und die technischen Grundlagen. Fotos, Fäden, Eindrücke von Reisen und Ausstellungsbesuchen, Adressen und Bilder von Handwerkern sammelt sie in dicken Skizzenbüchern – eine Material- und Themenbibliothek, auf die sie immer wieder zurückgreift.
Ein neu entdecktes Material ist der Text, der ja etymologisch mit Textil zusammenhängt (texere = weben, flechten). Ein Brief an die Erde, die Materie, und den Ton machte den Anfang. Heute schreibt sie Gedichte in drei Sprachen und schätzt die Möglichkeit, ein Werkthema auf eine nichtbildnerische Weise zu vertiefen.

Die Maschinen geben die Grösse der Werke vor: Eine Stickmaschine ist etwa 5 Meter breit, ein gewebter Stoff wird durch die Webkanten definiert und misst meist etwa 1,40 oder 1,50 Meter. Stéphanie Baechler übernimmt die Stoffe so, wie sie aus der Maschine kommen, zerschneidet und verarbeitet wenig, und hängt die Bahnen in den Raum.
In der griechischen Mythologie sagen drei Sybillen die Zukunft voraus. Stéphanie Baechler nimmt die mythologische Geschichte auf und lässt Fäden, Motive und Textfragmente zu Bildteppichen verarbeiten. Wie in einer Collage verweben sich die Gedanken der Künstlerin mit den Voraussagen der Sybillen zu einer rätselhaften Version der Zukunft.

In einem Workshop des Ateliers «Creahm» in Freiburg mit Menschen mit Beeinträchtigungen entstanden Zeichnungen, die Stéphanie Baechler in Appenzell auf transparente Untergründe sticken liess. Bilder, ob gezeichnet gemalt oder textil, sind immer auch Kommunikationsmittel und können in verschiedenen Ebenen als Erzählung, Dokumentation oder Kommentare wirken.

Sonnhild Kestler ist Meisterin im Siebdruck, auch ihre Arbeiten sind vom Handwerk geprägt. Jahrzehntelang stellte sie selbst Textildrucke her. Heute arbeitet sie auch mit Manufakturen zusammen und kann deshalb grossformatiger und technisch vielseitiger gestalten. Diese Möglichkeiten beeinflussten ihre eigenwillige Bildsprache, die sich seit 30 Jahren stetig weiterentwickelte. Sie bringt gern Überraschendes zusammen und entwickelt daraus neue Energien.
Die Entwürfe entstehen in einer spezifischen Kompositionstechnik aus bedruckten Papieren und werden dann in die entsprechende textile Technik transformiert. Die Motive sind grosszügig, klar, spielerisch und farbenfroh. Ob gedruckt, gestickt, gewebt, geknüpft – Sonnhild Kestler sieht ihre Formenspiele als Übersetzungen aus Wünschen, Träumen und Erlebtem.

Auf Reisen durch die ganze Welt saugt die Künstlerin fremde Kulturen auf, sammelt Bilder, lässt sich von Folk-Art, der Ostblock-Ästhetik, asiatischer Kunst, traditionellen indischen Textilien, religiös motivierten Bildsprachen und Alltagskulturen inspirieren – vom urmenschlichen Bedürfnis, Schönes zu schaffen. Aus diesem reichen Bilderschatz schöpft sie Elemente, die sie ansprechen, addiert, setzt frei zusammen und schafft daraus ihr eigenes Universum.
Die gewebten Bilder beruhen auf dem Kelim, einer alten Teppichwebtechnik, bei denen die Fäden der farbigen Flächen nicht miteinander verschlungen werden, sondern durch Schlitze voneinander getrennt bleiben. Als Sunnhild Kestler die Technik kennenlernte, war sie überrascht, wie traditionell noch gearbeitet wird. Sie nahm die Grundlagen auf, setzte sich aber über das strenge Senkrecht / Waagrecht der Tradition hinweg und fand einen Weg, runde Formen umzusetzen.

An zwei langen Tischen kann man mit Motiven aus Papier oder Moosgummi spielen und Farben, Formen, Zwischenräume ordnen und rhythmisieren. Den Entwurf lässt sich an die Wand projizieren – und schon gibt man den eigenen Stoff in den Raum: Gib Stoff!
Text: Christine Läubli
Fotos (wenn nicht anders angegeben): Christine Läubli
Quelle: Medientext sowie Videos und Texte in der Ausstellung
Information:
Gib Stoff!
Gewerbemuseum
Kirchplatz 14
8400 Winterthur
bis 2. November 2025
Öffnungszeiten: Di bis So 10-17 Uhr, Do bis 20 Uhr
Die Ausstellung wird von einem reichhaltigen Rahmenprogramm begleitet.




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