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Sommerreise mit einer textilen Mandarine


Dieses Jahr verband Marianne Keel* ihre Sommerreise mit einem kleinen textilen Projekt. Die Reise führte sie vom 22. bis 29. Juli 2023 mit dem Postauto ins nahe Ausland rund um den äussersten, südöstlichen Zipfel der Schweiz, wobei sie immer mal wieder den Kanton Graubünden «küsste», sei es zum Umsteigen oder zum Übernachten. Die Stationen waren Reschenpass, Umbrail, Bormio, Veltlin, Bergell, Como. Mit im Gepäck führte sie einen mandarinengrossen Knäuel aus gehäkelter Fadenschnur. Damit wollte sie jeden Abend ein experimentelles Objekt gestalten, das zum Tag passte. Das Werk wurde danach jeweils fotografiert und wieder zum Knäuel aufgelöst. Samstag, 22. Juli Erste Station war Graun am Reschenpass, ein im Stausee ertränktes Dorf, das höher am Hang neu erbaut worden ist. Völlig unspektakulär, wenn da der alte Kirchturm nicht wäre. Er war bei der Zerstörung des alten Ortes aus denkmalschützerischen Gründen nicht gesprengt worden und ragt nun als Mahnmal aus dem Wasser. Entgegen der Erwartung steht er nicht mitten im See, sondern nah am Ufer in einer Art Teich. Das abendliche Objekt war natürlich dieser Kirchturm. Die Häkelschnur wurde zur stehenden Skulptur verstrickt und verwandelte sich nachher wieder in die Mandarine.


Sonntag, 23. Juli Die Fahrt ging zurück in die Schweiz. In Valchava im Münstertal traf sich Marianne mit einer Frau, die sich ein paar Wochen zuvor wegen eines zerlöcherten Teppichs gemeldet hatte: Ob die Kunstflickerin diesen wohl ausbessern könnte? Der heutige Tag verging mit Flicken. Finger und Hand schmerzten nach ein paar Stunden, aber der Teppich war abends wieder heil. Das heutige Experiment musste dem Teppich entsprechend gewoben werden. Marianne spannte zwischen zwei Stuhlbeinen eine Kette, in die sie die Häkelschnur hineinwob.

Montag, 24. Juli Die Weiterreise führte über den Umbrailpass nach Bormio, Tirano, Colico, Chiavenna bis Promontogno. Es regnete Bindfäden. Einmal musste der Postautochauffeur anhalten, weil er in Sturm und Hagel nichts mehr sah … Die 85 Kehren hoch auf den Pass und wieder abwärts waren harte Kost für Mariannes Magen. An diesem Abend verarbeitete sie die Kurvenerfahrung ...


Dienstag, 25. Juli Das Hotel Bregaglia in Promontogno hatte unter dem Regen gelitten. Überall hatte es hereingeregnet, Tücher mussten das Wasser auffangen. Marianne erhielt ein anderes Zimmer als vorgesehen. Die sanitären Verhältnisse im Hotel waren eher kompliziert. Die heutige Installation zeigt diesen erschwerten Zugang.




Mittwoch, 26. Juli Soglio gefiel Marianne sehr. Hier ruhte sie sich ausgiebig auf Parkbänken aus und traf auf die ehemalige Kundin Ludmilla Weber, mit der sie fachsimpeln konnte. Am Abend hatte Marianne Lust auf Pasta. Es wurden dann Penne statt der erträumten langen Nudeln, aber dafür wurde das Schnur-Mandarinchen zur Portion Spaghetti.

Donnerstag, 27. Juli Im Postauto gings nach Menaggio, und von hier aus per Schiff nach Como. Von der Schiffsstation zum Hotel war ein weiter Weg, so fiel an diesem Abend das textile Experiment für einmal aus.

Freitag 28. Juli Como-Tag. Am Abend versuchte Marianne den blühenden Süden in ihrem Experiment auszudrücken. Sie begann mit drei Maschen zu stricken und nahm regelmässig weitere auf. Da sie aber nur zwei Nadeln im Gepäck hatte, wurde das Rundstricken immer mühsamer …







Samstag 29. Juli Nach einem ausgiebigen Spaziergang über den samstäglichen Markt in Como ging die Reise mit dem Zug nach Winterthur zurück. Auf der Rückreise begann Marianne ein Strickprojekt zu spinnen: Ein Löcherpullover aus dünnem Mohairgarn, von oben nach unten gehäkelt, sollte es werden. Die textilen Experimente mit dem Mandarinenknäuel waren zu Ende, doch die Sommerreise gab Anregung zu neuen textilen Abenteuern! * Marianne Keel führt im Zentrum von Winterthur den Atelierladen «mymake», in dem sie näht und für textile Probleme wie zum Beispiel kaputte Textilien oder nicht mehr passende Kleider Lösungen sucht. Ausserdem setzt sie sich intensiv mit Textilkunst auseinander und stellte unter anderem bei den TEXIMUS-Ausstellungen 3 und 4 aus. Text: Christine Läubli unter Verwendung des Reisetagebuchs von Marianne Keel Fotos: Marianne Keel


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