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Eröffnung TEXIMUS 4


Die Vernissage von TEXIMUS 4 am

23. März 2023 war gut besucht: Rund 180 Personen kamen dafür in die Altstadthalle Zug und genossen die von Heidi Arnold-Trudel einfühlsam gestaltete Ausstellung.







Am Nachmittag vor der Eröffnung hatten sich die vier Jurymitglieder Florina Moser, Rebekka Gnädinger, Dr. phil. Fritz Franz Vogel und Martin Leutholt in der Ausstellung getroffen und die Trägerin des Jurypreises bestimmt. Das fünfte Jurymitglied Charlotte Flo Osolin war leider verhindert. Die Jury zeichnete Aishan Turbayeva-Wiedenmeiers Gobelin «Der Pilz» durch Mehrheitsbeschluss aus.




TAFch mit der Jurypreisträgerin. Von links nach rechts: Ursula Suter, Claudia Häusler, Aishan Turbayea-Wiedenmeier, Christine Läubli, Bea Bernasconi






An der Eröffnungsfeier sprach Dr. phil. Fritz Franz Vogel über die Kritik im heutigen Kunstbetrieb:

Die Kulturkritik ist am Anschlag. In den Zeitungen wird derzeit immer wieder darauf verwiesen, dass es keine Kunstkritik mehr gibt. Das stimmt. Das liegt daran, dass die Presse zwar noch berichtet, dass etwas stattfindet, aber dass es keine Auseinandersetzung über das Dargebotene gibt. Das hat damit zu tun, dass die Presse vor allem von den Veranstaltern verfasste Vorberichte liefert, nicht aber kritische Nachberichte. Ein Feuilleton im ursprünglichen Sinn war aber eine Auseinandersetzung über das Gesehene, Gehörte, Erfahrene im rauschenden Blätterwald – ich kenne kleingedruckte Kunstkritiken aus den 1920er-Jahren in Berlin, in denen Werke in Galerien tiefschürfend besprochen wurden. Für diese Auseinandersetzung, die nicht nur in der Beschreibung, sondern auch in der Vertiefung der Begründung ihr Ziel haben muss, reichen wenige Zeilen selten, zumal wenn man nicht einfach pauschalisieren und abkanzeln will.


Dabei wäre die Kunst- und Kulturkritik prädestiniert, einen Resonanzraum herzustellen, weil der Berufskritiker, ja Kritikaster, seine Kompetenz unter Beweis stellen kann. Diese Kompetenz ist nicht nur seiner (Aus)bildung geschuldet, sondern basiert vor allem auf seiner vielgeschürften Erfahrung, auf seinen Recherchen zu Themen, Personen, Werken und Kontexten, einem Umfeld, das er in der Tiefe auszuloten versucht und auch Dinge in den Diskurs einbringt, die möglicherweise mit dem Objekt der Rezension überhaupt nichts zu tun haben, aber dennoch eine neue Perspektive einbringen können.


Zur Kunstkritik braucht es nicht nur die eine Sache, das singuläre Ereignis, das unmittelbar Präsentierte wie hier, sondern eine abwägende Gesamtschau, eine wohlwollende Begründung und Überlegung hinsichtlich der Verknüpfungen und Vernetzungen der zu besprechenden Sache. Es braucht zudem eine verständliche Sprache der Auseinandersetzung. Und, das wichtigste: ein interessiertes Publikum (und bedenket: Publikumspreise sind oftmals anders als Juryurteile!)


Das Bewusstsein für die historische Auseinandersetzung und interpretierenden Einbettung ist heute nicht mehr gegeben. Jüngere Leute sehen die Qualität im Aufmerksamkeitsstatus; die Mehrheitsmeinung bestätigt automatisch die Qualität des Singulären. Wer mehr Klicks generieren kann, dem wird nicht nur mehr Aufmerksamkeit zuteil, und sukzessive noch mehr Klicks und Bewunderung in der übergeordneten Presse, sondern von diesem Überbau an steter Erwähnung wird unmittelbar auch die Qualität abgeleitet, eben verstätet, was natürlich fatal ist. Diese Gefallsucht angesichts vieler Klicks und Verfolger hinterlässt wenig Schäden, wenig Kritik, wenig Rückfragen und Folgekritik. Wer an der Oberfläche schwimmt, muss gar nicht im Tiefgang üben. Und die Mehrheit schwimmt meist an der Oberfläche, im Dekorativen.


Kritik ist eine Kulturkeule. Der Kritiker muss sich deshalb darum bemühen, was er sagt zu begründen. Andernfalls tut er nur so, als ob er etwas wüsste oder könnte, was aber berechtigterweise in Zweifel gezogen werden darf.


Der Kritiker ist also auch ein Zweifler. Er zweifelt an dem, was er vorgesetzt bekommt, aber auch an dem, was er davon halten soll. Er macht es sich meist nicht leicht, eine Wertung zu finden, noch diese zu veröffentlichen. Also bleibt er im Ungefähren, im Vagen, und letztlich dann halt auch im Oberflächlichen. Die klare Meinung wird bei redaktionellen Artikeln nicht mehr vermittelt, sondern wandert ab in die Leserbriefspalten, die als eigenes Genre immer nur singuläre Privatmeinungen wiedergeben, womit die Redaktion unanfechtbar bleibt.


Die Kulturproduktion hat mit der eigenen Inflation zu kämpfen. Zu viele Kulturschaffende und jährlich neue Schulabgänger:innen werben ständig für sich, stellen sich ins Zentrum. Der Überfluss an künstlerischer Produktion macht es praktisch unmöglich, gut und schlecht voneinander zu unterscheiden; es gibt nur noch Gefallen oder Nichtgefallen. Kultur wird uns regelrecht eingetrichtert. Und weil alles möglich ist, wird der Kulturkritik der Boden entzogen. Sie ist nicht mehr nötig, nicht mehr gewollt, nicht mehr möglich.


Früher gab es noch eher ein Wettstreit unter Kunstschaffenden, unter seinesgleichen, und damit eine Bestätigung für die Idee der Funktionstrennung, ein Plazet für Kunstrichter, die über eine Deutungshoheit verfügen. In der Kunstkritik galt ein vertiefter Anspruch. Sie war, zugegebenermassen, eine elitäre Handhabe im Feuilleton, so wie auch die Kunst, ja die Künste in gewissem Sinne eine akademische Gepflogenheit waren, ein Werben um gute Ästhetik, um eine professionelle Leitlinie. Kritik war nicht Abstrafung, sondern ein erwünschter kritischer Blick von aussen. Heute geht das nicht mehr. Alle schauen nur noch auf die Aufmerksamkeitskurve. Das ist die Leitwährung, nicht der Gehalt. Alles vermengt sich, was es schwierig macht, Differenzen hervorzuheben.


Teximus 4, lateinisch für: wir weben, wir verknüpfen, wir flechten, wir verfertigen kunstvoll, wir verzahnen die Textzeilen. Es war die Pflicht der 4-köpfigen Jury, erst aus 140 im Netz, nun aus über 50 Arbeiten in den Ausstellungräumen, die Spreu vom Weizen zu trennen: für einen einzigen Preis, kein zweiter Preis, kein Trostpreis, nicht mal eine Ehrenurkunde. Also muss man seine individuellen Kriterien offenlegen, was ist gut, schön, technisch interessant, ideell neu, materiell raffiniert, innovativ verarbeitet, materiell überzeugend, exquisit präsentiert? Wie wirkt die Form, wie die Grösse? Was überzeugt auf Anhieb, was besitzt Wirkmacht? Ist das Werk Textilkunst oder schon Kunsttextil? Fleiss oder geniale Idee? Wie steht's mit Verwendung, Verwertung, Verschwendung? Entspricht die ästhetische Umsetzung der Absichtserklärung? Ist der Kontext gesellschaftlich oder kulturpolitisch abgesichert? Bleibt die Spannung? Bleibt Nachhaltigkeit? Bleibt überhaupt eine Erinnerung?


Es ist tröstlich: Wir wurden uns auch zu viert nicht einig. 3:1. Das spricht für die Jury, dass sie sich dessen bewusst wurde. Und es spricht dafür, dass es auch andere Arbeiten gibt, die man auszeichnen könnte. Heute, das nächste Mal ohnehin.


PS. an die Kunstschaffenden:

Wo ich ansetzen würde, ist das Gutmeinen, Welterklären und Geschwurbel in der Bildbeschreibung. Arbeiten müssen für sich selber sprechen. Wenn Kunstschaffende, im Gegensatz zum Kunstkritiker, selber texten, wird das Resultat meist schräg, banal. Ein sprechender Titel für ein Werk genügt, zumindest in den meisten Fällen!, z.B.: «Der Pilz»*.


* Das Werk mit diesem Titel von Aishan Turbayeva-Wiedenmeier erhielt letztlich den Jurypreis. Ein Werk, das dank der perfekten Verarbeitungstechnik, dank der Perspektive in der formalen Umsetzung, aber auch wegen der überzeugenden Präsentation die Mehrheit der Jury überzeugen konnte. Es punktete gegen ein zweites Bild, «Belebter Strauch» von Marion Strunk, das weniger technische Präzision, dafür einen erweiterten Subtext aufwies, nämlich Fotografie mit Textilem zu verbinden und auf das Faktum von Wirklichkeit und Künstlichkeit, von Wahrheit und Fälschung, von textiler Struktur in der Natur und natürlichem Textil zu verweisen.


© Fritz Franz Vogel, Diessenhofen


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