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8. Europäische Quilt Triennale 2022


Ausstellungsansicht, Foto: Roman Wild, Textilmuseum St. Gallen

Seit rund einem Vierteljahrhundert organisiert die Textilsammlung Max Berk die Europäische Quilt-Triennale. Ausgehend vom Kurpfälzischen Museum Heidelberg, macht sie zurzeit im Rahmen einer Ausstellungstournee auch im Textilmuseum St. Gallen halt. Hier ist sie noch bis am Ostermontag, dem 10. April 2023 zu sehen. Aus mehr als 150 eingereichten Werken wählte eine fünfköpfige Jury fünfzig aus, davon stammen sieben aus der Schweiz. Viele Arbeiten bewegen sich im klassischen, rechteckigen Format (was nicht heisst, dass sie im künstlerischen Bereich keine neuen Gestaltungsmöglichkeiten suchten …), einzelne finden freiere Formen oder treten gar in den Raum hinaus. Neue Materialien fliessen ein, und innovative Wege werden erforscht.

Heidi König: KUNTERBUNT! , 2020 / 21

Die beiden Schweizerinnen Heidi König und Rita Merten teilen sich gemeinsam den Doris-Winter-Gedächtnispreis. Heidi König hat eine Vielzahl gleicher Elemente aus selbst eingefärbten und bemalten Stoffen so zusammengenäht und behandelt, dass sie eine kubische Leere umschliessen. Die Löcher zwischen den Stoffplätzchen geben Einblick ins Innere und erlauben einen beschränkten Durchblick durch das Objekt. Frei im Raum hängend, strahlt dieses in seinen erdigen, vibrierenden Farben eine fröhliche Eigenwilligkeit aus.






Rita Merten: KÖRPERLICHE DISTANZ, 2020 / 21, Foto: Textilmuseum St. Gallen

Rita Merten erzählt auf ihrem Quilt bilderbuchartig die Geschichte der Pandemie. Soziale Abstände müssen eingehalten werden, Beziehungen werden erschwert. Dicke rote und dünne schwarze Linien trennen und verbinden die Menschen, die sich in kleinen Gruppen eng aneinander scharen. Blüten wachsen und schweben wie Vögel oder Drachen im Bild – die Natur blüht wie eh und je und macht Hoffnung auf andere Zeiten.




Monika Sebert: BEZIEHUNGEN 2, 2020

Auch Monika Sebert (D) beschäftigte sich mit den eingeschränkten Begegnungsmöglichkeiten während der Covid-Zeit und fragte sich: «Wie nehmen wir uns wahr, wenn wir überwiegend nur noch mit einer Person oder einem Partner zusammen sein «müssen»?» Zeichnend erforschte sie verschiedene Konstellationen von Zweisamkeit und übertrug diese auf 16 Stoffquadrate. Die Nähmaschine wurde zum Zeichengerät. Jedes Quadrat lässt dem Publikum Raum für Philosophien über Paarbeziehungen.







Gisela Hafer: PANDEMIE TAGEBUCH, 2021

Gisela Hafer (D) erstellte ein Pandemie-Tagebuch und nähte 49 Einwegmasken zum Quilt zusammen. Auf den Masken veranschaulichte sie mit roten Kreuzstichen die Inzidenzzahlen übereinen bestimmten Zeitraum. Die Arbeit beeindruckt sowohl ästhetisch wie auch in der Umsetzung des Themas.





Pascale Goldenberg: EIN PLATZ ZUM LEBEN 3, 2020, Foto: Susanna Hildenbrand

Pascale Goldenberg (D) zeigt ein berührendes Werk. Frauen aus einem afghanischen Krisengebiet hatten auf ihre Bitte hin ihr Zuhause gezeichnet. Diese 117 Zeichnungen projiziert die Künstlerin auf eine weisse Patchwork-Leinwand aus einfachen, fast architektonischen Quadraten. Die Arbeit ist nicht nur ein Zusammenspiel von digital und analog, sondern auch eines von unterschiedlichen Völkern über Landesgrenzen hinweg. Wo auch immer wir wohnen – uns allen ist ein sicheres Zuhause wichtig.






Birgit Reinken: SCHLAFAUS SCHLAFEIN, 2020 / 21

Birgit Reinken (D) hat einen simplen Bettanzug in ein Kunstwerk transferiert. Auf dem Duvet wälzt sich eine Person in ihrer Schlaflosigkeit. Das Wattevlies bricht an regelmässigen Stellen aus dem Untergrund heraus. Die Arbeit nimmt den traditionellen Quilt auf, macht daraus eine zeitgemässe, ästhetische und aussagekräftige Arbeit und erzählt eine Geschichte.










Sara Dochow: QUILT FÜR EINE/N SCHLAFLOSE/N, 2020 / 21

Auch Sara Dochow (E) widmet sich der Schlaflosigkeit. In ihren schlaflosen Stunden wuchert ihre Fantasie allerdings in einer üppigen Weise, die an südamerikanische Kunst erinnert. Der Quilt, der aus dem traditionellen Rechteck ausufert, könnte auch eine Decke für einen Pferderücken sein, der einen (endlich!) in ein buntes Traumland trägt …












Dóra Márföldi: QUICKY, 2020

Dóra Márföldi (H) verwendete gebrauchte Textilien verschiedener Generationen. Sie fügte die Schichten zusammen, schuf in der Mitte ein Loch und liess dieses durch ein Myzel wieder zusammenwachsen. Die archaische Arbeit veranschaulicht auf berührende Weise die Verbundenheit der Generationen im Handwerk, aber auch die Spuren der Zeit. Mit dieser Arbeit gewann die erst 25 Jahre alte Dóra Márföldi den Preis für Innovation im grossen Format.


Jakub Święcicki: LANDSCHAFT AUS MOOSSTREIFEN, 2020

Jakub Święcicki (PL) besticht durch ein monochromes Werk, für das er eine traditionelle Plissee-Technik in eine Landschaft umsetzt. Er legte Stoffstreifen aus Baumwolle, Leinen, Polyamid in und nebeneinander und nähte sie in regemässigen Wendungen auf einen Untergrund. Inspiriert wurde das wunderschöne Kunstwerk von der ländlichen Umgebung, in der die Grossmutter des Künstlers wohnte. Es zeigt das abgeerntete Ackerland aus der Vogelperspektive.








Els van Baarle: WEITE AUSSICHT, 2021

Els van Baarle (NL) präsentiert vier Stoffbahnen in erdigen Farben. Auch ihre Arbeit basiert auf einer Landschaft – die Künstlerin lebt in einer flachen Gegend, und ihre tägliche Aussicht geht in die Unendlichkeit. Mit reduzierten gestalterischen Mitteln und einfachen Vorstichen bestickt, erinnert das Werk an japanische Kunst.




Teija Patrikka: WO SIND ALLE HINGEGANGEN?, 2020 / 21

Teija Patrikka (FIN) sammelte die alten, handgestrickten Wollsocken, die sie und ihre Angehörigen im Haus tragen. Nachdem die Socken nach unzähligen Flickrunden ausgemustert worden waren, nähte sie die Künstlerin zu einer Familiengeschichte zusammen. Was können Socken nicht alles erzählen!





Silke Marohn: ZUSAMMENHALT, 2020

Auch Silke Marohn (D) beschäftigte sich mit Fussbekleidungen: Sie gestaltete aus Nylonstrümpfen eine Skulptur. Scheinbar zufällig, mit rudimentären, roten Fadenstichen zusammengefügt, die Zwischenräume mit Stopfwolle halbwegs ausgefüllt, besticht das Werk mit seiner gestalterischen Unbekümmertheit, welche aber durch den Farbklang und das weiblich konnotierte Material wieder aufgebrochen wird.









Paulina Sadrak: 9 x 11, 1021, 104 x 185 cm, 2021, Foto: Jarosław Darnowski, Textilmuseum St. Gallen

Den Preis für Nachwuchs-Quilter/innen unter 40 Jahren erhielt Paulina Sadrak (PL). Ihre Arbeit ist so filigran, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sie ohne Schaden transportiert werden kann. Fäden in allen Schattierungen kreuzen sich lose zu karierten, farblich fein ausgewogenen Mustern. Die kleinen, zum Grossformat zusammengefügten Fadenquadrate bilden ein transparentes Skelett, das von früherer Sparsamkeit und tausendmal geflickten, fadenscheinigen Stellen erzählt.


Die Ausstellung ist schön gestaltet (wenn man sich auch bei einigen Quiltbildern eine diskretere Aufhängung als die massiven Holzlatten wünschen würde, die manche Arbeit etwas verfälschen). Aber jedes Werk hat einen angemessenen Patz gefunden, an dem es in der eigenen Ausstrahlung und im Zusammenspiel mit seinen Nachbarn wunderbar zur Geltung kommt. Die 8. Quilt-Biennale zeigt ein hohes Niveau und berührt mit ihrer Farbenpracht, Sinnlichkeit und einer Vielzahl an tiefen Aussagen.

Text: Christine Läubli Fotos (wenn nicht anders erwähnt): Christine Läubli Textilmuseum St. Gallen Vadianstrasse 2 9000 St. Gallen Öffnungszeiten: Mi – So 10 – 17 Uhr Die 8. Europäische Quilt-Triennale dauert noch bis am 10. April 2023 https://www.arte.tv/de/videos/105616-011-A/twist/

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